Warum „alles möglichst schwer machen“ im Training oft genau das Falsche ist
In vielen Trainingskontexten gilt eine unausgesprochene Regel:
Je anstrengender, wackeliger oder schmerzhafter eine Übung ist, desto „besser“ muss sie sein.
Diese Idee ist weit verbreitet – und sie ist verständlich. Anstrengung ist spürbar, Fortschritt oft nicht sofort. Also wird Anstrengung zum Ersatzmaßstab für Qualität.
Das Problem dabei:
Nicht jede Form von Anstrengung führt zu der Anpassung, die wir eigentlich erreichen wollen.
Gerade im funktionellen Training, im Krafttraining oder in bewegungsorientierten Ansätzen sieht man häufig, dass Übungen unnötig komplex oder instabil gemacht werden – ohne klaren Trainingsfokus. Das führt zwar zu einem hohen subjektiven Belastungsgefühl, aber oft zu wenig gezieltem Fortschritt.
Ein typisches Beispiel aus der Praxis
Ein häufiges Beispiel ist der Single-Leg Romanian Deadlift (RDL).
Diese Übung wird gerne genutzt, um:
- das Hüftscharnier zu lernen,
- die hintere Muskelkette zu kräftigen,
- Kontrolle über Becken und Wirbelsäule zu entwickeln.
In einem Trainingskontext, in dem es um Kraftaufbau oder saubere Bewegungsmechanik geht, ergibt es Sinn, äußere Stabilität hinzuzufügen – zum Beispiel, indem man sich leicht festhält.
Trotzdem passiert in der Praxis oft das Gegenteil:
Viele lassen bewusst los, obwohl sie noch keine stabile Bewegungskontrolle haben. Sie wackeln, verlieren die Hüftposition und kompensieren über Rücken, Knie oder Fuß – und sind dabei sehr beschäftigt.
Die Übung fühlt sich schwer an.
Der eigentliche Trainingszweck geht aber verloren.
Der Kern des Problems: fehlende Zielklarheit
Der Hauptgrund dafür ist nicht mangelnde Disziplin oder fehlendes Können, sondern unklare Zielsetzung.
Im Training werden häufig sehr unterschiedliche Fähigkeiten gleichzeitig „trainiert“, ohne sie bewusst voneinander zu unterscheiden:
- Kraft
- Koordination
- Balance
- Ausdauer
- Körperwahrnehmung
Das Nervensystem kann diese Ziele jedoch nicht gleichwertig gleichzeitig optimieren. Je nach Ziel braucht es sehr unterschiedliche Rahmenbedingungen.
Was Krafttraining neurologisch bedeutet
Krafttraining ist nicht einfach „viel Gewicht bewegen“.
Es ist ein gezielter Anpassungsprozess von Muskeln, Sehnen und Nervensystem.
Damit Muskeln stärker werden können, muss das Nervensystem:
- bestimmte Muskeln gezielt ansteuern,
- Kraft über einen definierten Bewegungsweg wiederholt produzieren,
- dies unter möglichst gleichbleibenden Bedingungen tun.
Dafür braucht es:
- Stabilität
- Vorhersagbarkeit
- eine klare Bewegungsaufgabe
Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, kann das Nervensystem effizient lernen, Kraft zu erzeugen.
Zu viel Instabilität oder Ablenkung reduziert diese Fähigkeit deutlich.
Was Koordination wirklich ist
Koordination bedeutet, eine Bewegung zu verstehen.
Es geht nicht um Kraft oder Ausdauer, sondern um:
- Timing
- Abfolge von Muskelaktivität
- räumliche Orientierung
- ökonomische Bewegungsausführung
Koordination ist ein Lernprozess des Nervensystems.
Lernen funktioniert am besten unter Bedingungen mit:
- geringer Intensität,
- wenig Zeitdruck,
- minimalem Bedrohungsgefühl.
Wird eine koordinativ anspruchsvolle Bewegung zu früh mit hoher Last, Tempo oder Instabilität kombiniert, schaltet das Nervensystem vom Lernmodus in den Schutzmodus. Die Bewegung wird zwar irgendwie ausgeführt, aber nicht sauber gelernt.
Die spezielle Rolle von Balance
Balance ist ein eigener Trainingsbereich mit einer klaren Priorität:
den Körper aufrecht und sicher zu halten.
Sobald Balance gefordert ist, übernimmt das Nervensystem andere Strategien:
- schnelle, reflexartige Korrekturen
- globale Muskelspannung
- Nutzung aller verfügbaren Ressourcen
Feinmotorische Kontrolle und gezielte Muskelaktivierung treten in den Hintergrund.
Das Ziel ist nicht Effizienz – sondern Stabilität.
Das ist sinnvoll, wenn Balance tatsächlich das Trainingsziel ist.
Problematisch wird es, wenn Balance ungewollt ein dominanter Faktor in Kraft- oder Koordinationstraining wird.
Warum zu viel Balance Krafttraining verwässert
Wenn in einer Kraftübung die Balanceanforderung sehr hoch ist, passiert neurologisch Folgendes:
Das Nervensystem priorisiert das Verhindern des Umfallens.
Die Frage ist dann nicht mehr:
„Welche Muskeln sollen hier trainiert werden?“
Sondern:
„Was hilft mir jetzt, stabil zu bleiben?“
Die Folge:
- Hilfsmuskeln übernehmen Arbeit,
- Spannung verteilt sich unspezifisch im Körper,
- die eigentliche Zielmuskulatur wird weniger effektiv belastet.
Die Bewegung wirkt komplex und anspruchsvoll – ist aber nicht zielgerichtet.
Warum „es schwer machen“ sich trotzdem gut anfühlt
Viele Menschen verbinden Anstrengung mit Erfolg.
Ein Training, das „zu leicht“ wirkt, fühlt sich schnell ineffektiv an.
Dabei ist „leicht“ oft nur ein Zeichen dafür, dass:
- die Aufgabe klar ist,
- unnötige Komplexität entfernt wurde,
- das Nervensystem effizient arbeitet.
Fortschritt entsteht nicht durch maximale Erschöpfung, sondern durch passende Reize – wiederholt über Zeit.
Die entscheidende Frage vor jeder Übung
Statt zu fragen:
„Wie kann ich diese Übung schwerer machen?“
ist es hilfreicher zu fragen:
„Was möchte ich mit dieser Übung konkret verbessern?“
- Kraft? → Stabilität erhöhen, Last dosieren
- Koordination? → Komplexität langsam steigern, Intensität senken
- Balance? → Instabilität bewusst einsetzen
Gutes Training bedeutet nicht, alles gleichzeitig zu fordern, sondern zur richtigen Zeit das Richtige.
Manchmal ist die professionellste Entscheidung im Training:
sich festzuhalten.
Warum gute Anleitung den Unterschied macht
Genau hier zeigt sich der Wert guter Trainingsbegleitung.
Ein erfahrener Trainer erkennt, was du gerade trainieren solltest – und was nicht.
Er oder sie hilft dir, Übungen so einzustellen, dass sie deinem aktuellen Ziel dienen, statt dich einfach nur zu fordern. Manchmal bedeutet das, eine Übung leichter zu machen, damit sie langfristig wirksamer wird.
Im Personal Training geht es nicht darum, möglichst viel aus dir „herauszuholen“, sondern darum, die richtigen Reize zur richtigen Zeit zu setzen.
So entstehen Fortschritte, die nachhaltig sind – statt ständigem Kämpfen gegen den eigenen Körper.
Wenn du lernen möchtest, klarer zu trainieren, Bewegungen wirklich zu verstehen und deine Zeit effizient zu nutzen, bieten wir genau dafür Personal Training an.
Individuell, zielgerichtet und ohne unnötige Komplexität.



